Apulienreise im Mai 2010
Reisebericht:
Flugreise APULIEN - 12. bis 19. Mai 2010:
Mittwoch, 12. Mai:
Flug von Innsbruck nach Bari mit Fly-Niki, Transfer ins Hotel, Zimmerübergabe und Begrüßung. Wir waren eine ziemlich große Gruppe von 50 Teilnehmern. Neben uns gab es noch eine zweite, gleich
große Gruppe vom selben Reiseveranstalter: Wir: „Der gelbe Bus“ und die anderen: „Der rote Bus“. Wie sich herausstellte, waren alle Teilnehmer sehr diszipliniert und pünktlich und es gab auf der
ganzen Reise keinerlei Probleme.
Erster Lichtblick war die Begrüßung am Flughafen Bari durch unsere Reiseleiterin: „Ich bin die verrückte Anna aus Apulien“. In Wirklichkeit war sie natürlich nicht verrückt, dafür aber sehr lebenslustig und voller Späße und konnte dazu auch noch hervorragend singen. Sie hatte auch ein umfassendes Wissen über die Geschichte und Kultur des Landes, fast wie ein wandelndes Lexikon.
Donnerstag, 13. Mai: Cisternino und
Alberobello (ca. 120 km)
Bei herrlichem Sommerwetter fuhren wir nach Cisternino.
Cisternino ist eine italienische Stadt in Apulien (Provinz Brindisi) mit 11.914 Einwohnern (Stand 1. Januar
2009). Sie liegt am südöstlichen Ende der Landschaft Murgia. Sie gehört zu den schönsten Dörfern
Italiens.
Als Erstes besuchten wir eine Olivenpresse und bekamen dort Informationen über die Olivenölproduktion. Endlich weiß
ich jetzt aus kompetenter Quelle, dass das Olivenöl zum Großteil aus den ganzen Früchten gewonnen wird Es gibt aber auch Öl nur aus den Schalen. Dieses ist aber sehr teuer und eher nicht zum
Verzehr bestimmt.
Bei der traditionellen Pressmethode werden die Oliven zuerst maschinell von Zweigen und Ästen befreit und anschließend gewaschen. Danach kommen sie in den sog. Kollergang, welcher die eigentliche
Mühle darstellt. Dort werden die Oliven samt Kernen durch kreisende, hochkant stehende Mahlsteine in 20-25 Minuten zu einem Brei zerquetscht. Dieser Brei wird dann auf runde Matten aufgetragen, die zu einem Turm gestapelt werden und anschließend durch eine hydraulische Presse ausgepresst werden. (400 bar)
Heraus kommt eine Mischung aus Fruchtwasser und Olivenöl. Diese beiden Teile werden in einer Zentrifuge voneinander getrennt. Das daraus entstehende Olivenöl wird anschließend noch filtriert. Farbe und Geschmack des Olivenöls können je nach Sorte und Herkunft unterschiedlich sein.
Bei der moderne
Pressmethode werden modernste Maschinen eingesetzt, die die Oliven non-stop und damit effektiver und schneller verarbeiten können und ausserdem einen etwas höheren Ertrag
liefern.
Auch Öl aus der modernen Pressmethode darf, wie bei der traditionellen Methode, nur dann als „kalt-extrahiert“ bezeichnet werden, wenn beim Arbeitsprozess die Temperatur von 27°C nicht
überschritten wird.
Die Verkostung und die Kaufmöglichkeit wurden rege in Anspruch genommen. Mein Kommentar zum Ölgeschmack: „Das Kürbiskernöl aus der Steiermark ist mir lieber“. Aber über Geschmäcker und Ohrfeigen kann man bekanntlich streiten.
Anschließend ging es zu einer Käserei, wo uns die Mozzarellaproduktion gezeigt wurde. Da waren wirkliche Künstler am Werken.
Nach der Bereitung eines mittleren Bruchs lässt man die Käsemasse eine Zeitlang ruhen, anschließend wird der Bruch aus der Molke gehoben, mit etwa 80 °C heißem Wasser abgebrüht und danach geknetet und gezogen, bis er weich, geschmeidig und formbar ist. Danach wird er in Stücke geschnitten und zu Kugeln geformt.
Bruch (oder auch Käsebruch) bezeichnet in der Käserei das Material, das aus der durch Zugabe von Lab oder Milchsäure dickgelegten Milch (Gallerte oder Dickete) entsteht, nachdem sie zerteilt (gebrochen) wurde, um die Molke abzutrennen.
Auch hier gab es nach der „Vorführung“ eine Verkostung und den obligaten Verkauf. Die dargebotenen Käsesorten waren nach meinem Geschmack sehr gut.
Anschließend folgte ein kurzer Rundgang durch die wirklich reizenden Gassen dieser Kleinstadt.
Nach dem wunderschönen Panoramablick fuhren wir weiter zu den „Trullis“ von Alberobello.
Die Stadt ist vor allem durch ihre Kegelbauten (Trulli) (Einzahl Trullo) berühmt, die nach der Bauweise der Hirten in dieser Gegend gehäuft entstanden, weil sie nicht als richtige Häuser angesehen wurden und darum
steuerfrei waren. In Alberobello bestehen ganze Stadtteile aus Trulli. Darum gehört der Ort heute zum UNESCO-Weltkulturerbe, hat aber durch den Touristenansturm viel von seinem ursprünglichen Reiz verloren.
Es ist nicht eindeutig zu belegen, seit wann es in Apulien diese Trulli gibt.
Jedenfalls gibt es einen besonderen Grund, warum diese Häuserform hier so verbreitet ist. Dafür zeichnet Girolamo II., Herzog von Acquaviva verantwortlich,
der auf eine raffinierte Idee kam, um dem Kaiser kein Geld zahlen zu müssen. Es war zu Ende des 13. Jhs. auf kaiserliches Geheiß nämlich verboten, neue Ortschaften ohne Erlaubnis zu gründen, und
diese Erlaubnis kostete Geld.
Nun siedelten sich aber um Alberobello herum immer mehr neue Siedler an. Girolamo machte ihnen allen zur Pflicht, bei der Bauweise dieser Trulli zu bleiben. Das tat er aus einem einfachen Grund:
Diese Trulli-Gebäude waren ebenso schnell zu demontieren wie wieder aufzubauen. Und wenn sich eine kaiserliche Kontrollkommission ankündigte, dann wurden mal schnell die Dächer
auseinandergenommen, um den Geldeintreibern zu demonstrieren, dass man diese armselige Ansammlung von halben Wänden ja wohl nicht als neue Siedlung bezeichnen könne. Und mithin musste keine
Gebühr bezahlt werden. Der Erfolg dieser Maßnahme führte zu der Anordnung, in Alberobello überhaupt keinen Mörtel zu verwenden, und so wurde diese Bauform zur Tradition.
Zum Unterschied von Cisternino, wo sich noch ein „normales Leben“ abspielte, war Alberobello eine reine „Museumsstadt“ für die Touristen, wie wir sie ja auch waren. Trotzdem hat es mir dort sehr gefallen.
Anna führte uns noch hinauf zur „Chiesa Sant‘ Antonio“, die sie uns ausführlich erklärte:
Die Chiesa Sant‘ Antonio wurde in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts im Baustil
eines Trullo errichtet und im Jahre 2004 grundlegend restauriert. Die Kirche besteht aus mehreren aneinander gereihten Trulli. Eines der Runddächer ist über 20 Meter hoch. Auf der Kuppel ist ein
Kreuz aufgestellt.
Freitag, 14. Mai: Bari und Kastell del Monte
(ca. 180 km)
Der Tag begann etwas diesig, aber es war angenehm warm.
Die Stadtführung begann im Bereich der alten Festung, die heute als Museum für moderne Kunst Verwendung
findet.
Der Bau des Castello Svevo di Bari wurde
1131-1132 auf Befehl von Roger „dem Normannen“ begonnen. Das Kastell steht auf den Überresten einer byzantinischen Festung aus dem 11. Jahrhundert. Bei Ausgrabungen wurden im Nord- und Westflügel
Konstruktionen freigelegt, die sicher darauf hin deuten, dass vor der byzantinischen Bebauung ein Sakralbau vorhanden war, der zum ältesten Stadtkern Baris gehört. 1139 wurde das Kastell nach
Zerstörung wieder aufgebaut. Durch den Aufstand gegen die Normannen 1155 wurde die Burg wiederum schwer beschädigt.
In der Stauferzeit wurde das Kastell unter Kaiser Friedrich II. ab 1233 umgebaut. Aufbauend auf dem existierenden normannischen Grundriss wurden unter anderem zwei polygone Türme aufgebaut,
erstmals wird das Kastell durch äußere Wehranlagen verstärkt, wie jüngste Untersuchungen auf der östlichen Seite der Bastion beweisen
Anschließend ging es zur Kathedrale San Sabino
Von „unserer“ Anna bekamen
wir in ihrer „erfrischenden“ Art zu allen Bauwerken umfassende Informationen.
Die Kathedrale wurde im Jahre 1170 bis 1178 erbaut. Sie ist eine dreischiffige Pseudo-Emporenbasilika
mit großem Ostquerhaus, an das direkt die Apsiden anschließen. Die Emporenöffnungen des Langhauses täuschen in den Seitenschiffen liegende Emporen vor, diese jedoch sind nicht vorhanden, die
Seiten-schiffe fast genauso hoch wie das Mittelschiff, dem nur ein enorm flacher Obergaden zur Belichtung bleibt. Im Inneren ist neben der Kanzel auch der rekonstruierte Altarbereich mit aus
Originalteilen zusammengesetztem Ziborium und Bischofsthron Beachtung sehenswert. Sehenswert ist auch der reiche Ornamentschmuck der Kathedrale.
Als Nächstes besichtigten wir die Basilika San Nicola:
S. Nicola ist der Gründungsbau der Bareser Romanik und wurde von 1087-1196 gebaut. Der älteste
Bauteil ist der Ostchor, dessen Apsiden, genau wie in Bitonto,im 12. Jahrhundert ummantelt und mit Blendarkaden gegliedert wurden. Die Basilika lag ursprünglich ganz nahe am Wasser wie die
Kathedrale von Trani. Lediglich eine Seemauer trennte sie vom Meer. Sie wird von drei großen Höfen umgeben, um die sich die restlichen Gebäude des Klosters gruppieren: im Süden das Kloster, im
Westen Hospiz und Pilgerheim und im Nordwesten die Kirche S. Gregorio.
Bari war im Jahr 1087 mit der Beschaffung einer hohen Reliquie relativ spät dran. „Die unternehmerisch aktivsten Seestädte hatten fast alle ihren hoch angesehenen Heiligen: Venedig seinen Markus (Evangelist), Neapel seinen Januarius (frühchristlicher Märtyrer), Salerno seinen Matthäus (Apostel und Evangelist) und die älteste Seerepublik Amalfi ihren Andreas (Apostel). Genua sicherte sich als eine der letzten der großen italienischen Seestädte bei der Gelegenheit des ersten Kreuzzuges die Gebeine von Johannes dem Täufer, und Bari hatte sich eben 1087 die Reliquien des hl. Nikolaus verschafft“.
Dieses „Verschaffen“ ist eine leichte Umschreibung eines schlichten Raubzuges, wie das damals - vor allem zu einem solch edlen Zweck - allgemein üblich war. Man legte das Gelingen des Raubzuges damals so aus, dass Gott es nicht anders gewollt habe und dass der Heilige selber, um dessen Gebeine es ging, unbedingt nach Bari wollte. Natürlich musste jetzt eine neue Kirche gebaut werden. Die Durchführung wurde Elias, dem Abt des nahen Benediktinerklosters, anvertraut, der 1089 Bischof von Bari wurde. Die Schlussweihe fand 1196 statt.
Nach einem beschaulichem kleinen „privaten“ Rundgang durch die Altstadt mit ihren engen Gassen, wo die Wohnzimmer teilweise einen direkten Zugang nach außen haben, trafen wir uns wieder bei unserem „gelben“ Bus, um die Weiterfahrt zum Kastell del Monte zu beginnen.
Das Castel del Monte (ursprünglich: castrum Sancta Maria de
Monte) ist ein Bauwerk aus der Zeit des Hohenstaufer-Kaisers Friedrich II. in Apulien. Das Schloss wurde von 1240 bis um 1250 errichtet, wahrscheinlich aber nie ganz vollendet. Insbesondere der Innenausbau scheint nicht beendet worden zu sein. Von dem an dieser
Stelle zuvor bestehenden Kloster St. Maria de Monte ist kein baulicher Rest erhalten, seine Form ist unbekannt.
Das Castel del Monte liegt im Gemeindegebiet von Andria, einer Stadt in der Terra di Bari 16 km vom Stadtkern entfernt.
Seine Bedeutung erhält das Bauwerk vor allem durch seine ideale Grundrissgestalt als Achteck. An den Ecken des oktogonalen Baus stehen Türme mit ebenfalls
achteckigem Grundriss. Das Hauptachteck ist 25 m hoch, die Türme 26 m. Die Länge der Seiten des Hauptachtecks beträgt 16,50 m, die der Türme je 3,10 m. Eine Besonderheit ist, dass je zwei Seiten
eines Turms mit den Seiten des Hauptachtecks zusammenfallen. Der Haupteingang ist nach Osten ausgerichtet. Über die Funktion der Burg ist gerätselt worden, wobei die achteckige Grundrissfigur auch
phantastische Gedanken beflügelte. Die eher sachlichen Deutungen reichen von einem Jagdschloss bis hin zu einem Gebäude zur Aufbewahrung des Staatsschatzes.
Besonders in den 1930er bis 1950er Jahren (Mussolini) beliebt war die Deutung als Steinerne
Krone Apuliens als welche Castel del Monte angeblich die Macht Friedrichs II. symbolisieren sollte.
1876 wurde das Castel nach vielen Jahrzehnten des Leerstandes und der Plünderung vom italienischen Staat für 25.000 Lire (nicht zu verwechseln mit den uns geläufigen Lire’s vor dem Euro!) erworben. Um 1900 begannen Restaurierungsarbeiten, die im damaligen Geschmack der Zeit ausgeführt
wurden: alle beschädigten Steine wurden durch Nachbildungen ersetzt, der ursprüngliche Bauzustand wurde mit modernen Materialien nachgebildet, die zwischenzeitliche Geschichte des Baus überdeckt
und zugetüncht. Am Ende stand das Castel zumindest äußerlich wieder "wie neu" da.
Der Bus durfte nur bis zu einem Parkplatz am Fuße des Hügels fahren. Von dort ging es mit einem Sammelbus bis fast zur Burg. Die allerletzten Höhenmeter waren dann noch „per pedes“ zu bewältigen. Nachdem uns Anna alle wichtigen Informationen über dieses bemerkenswerte Bauwerk nahegebracht hatte, brechen wir wieder in Richtung Hotel auf. Anna unterhält uns noch mit italienischen Liedern, die sie mit wirklich guter Stimme vortrug.
Samstag, 15. Mai: Matera -
Massafra (ca. 220 km)
In Matera angekommen begaben wir uns zum Tourismusbüro, wo wir einen „einheimischen“ Guide bekamen, weil unsere Anna in dieser Provinz nicht „durfte“. Nach einer ausgiebigen Pinkelpause (je 1
Einspänner imTourismusbüro und in der nahegelegenen Bar für 50 Personen) begann unsere Besichtigungstour bei der einige Stufen bergauf und -ab auf uns warteten. Zwischendurch kam auch ein kleiner
Regenguss, dann schien aber wieder die Sonne. Beim Regen fanden wir aber eine geräumige „Wohnung“, die uns unser Guide ausgiebig erklärte. Wenn man bedenkt, dass dort bis 1960(!!) Mensch und Tier
(samt Misthaufen) gemeinsam gehaust haben, dann Gute Nacht!
Mitte des 20. Jahrhunderts galt es als Kulturschande, dass in Italien Menschen immer noch in Höhlen lebten; Carlo Levis Erinnerungsbuch Christus kam nur bis Eboli (1944) und der gleichnamige Film von Francesco Rosi (1978) machten die katastrophalen hygienischen Zustände weltbekannt. So wurden die Bewohner in den 1950er und 1960er Jahren in neugebaute Wohnblocks umgesiedelt. Da die Sassi heute eine Museumsstadt bilden, gewinnt auch der Tourismus zunehmend an Bedeutung. Die beiden Sassi, von denen es in der Umgebung noch mehr gibt, sind das außergewöhnliche Beispiel einer Höhlensiedlung im mediterranen Raum. Das bereits seit der Jungsteinzeit besiedelte Gebiet kann als eine der ältesten Städte der Welt gelten. Nach der griechischen, römischen, langobardischen und byzantinischen Geschichte, die Matera mit ganz Süditalien teilt, verwüsteten 938 Sarazenen den Ort. Er kam 1043 unter normannische Herrschaft, wurde Königssitz und gelangte so zu beträchtlichem Reichtum. Diese Blüte setzte sich unter den anschließenden Regimentern der Staufer und Anjou fort. Danach wurde Matera mehrere Jahrhunderte von lokalen Adeligen beherrscht, wobei es zu Rivalitäten, Machtkämpfen und Revolten kam.
kurt222
